Sind Velofahrer bessere Menschen?

geschrieben von phil | 29 Apr, 2011

Kürzlich bin ich in einem Zeitungsartikel über eine Aussage gestolpert welche mich zum Nachdenken gebracht hat. Kurz zusammengefasst meinte der Schreiber, dass in verkehrspolitischen Diskussionen immer davon ausgegangen wird, dass Velofahrer bessere Menschen sind. Und, dass Velofahrer selber auch klar dieser Überzeugung sind.

Zuerst fühlte ich mich ertappt. Ja klar! Als Velofahrer bin ich ein Vorbild für all die farblosen Typen in Ihren Blechkarossen! Ich setze mich der Umwelt direkt aus und verzichte auf eine Blechhülle. Ich brauche Muskelkraft statt schmutziger fossiler Energie! Ich setze mich nicht wie die anderen Herdentiere in's Tram. Ich bin ein Velofahrer und irgendwie dadurch doch sicher ein kleines, bescheidenes bisschen besser als die anderen! Ich bin ein schützenswerter, vorbildlicher Verkehrsteilnehmer.

Mir gebührt freie Fahrt! Irgendwie bin ich jetzt noch Stolz auf meine Busse als Velokurier wo mich der Polizist erst nach einer Einbahn und drei Rotlichtern gestoppt hat. 60 Franken musste ich damals für diese Papier-Trophäe bezahlen. Ein Held auf zwei Rädern.

Yeahh right. Wie viele Autofahrer habe ich wohl schon erschreckt, genervt und provoziert in meinem Velofahrer-Dasein? Hmm, ich gestehe, dass das wohl einige sein müssen. Für viele Verkehrsteilnehmer (und damit meine ich auch Fussgänger) war ich wohl nicht wirklich ein besserer Mensch auf meinem Velo sondern ein Ärgernis auf zwei Rädern. Dabei rede ich nicht einmal von meinen wilden Zeiten als Downhiller wo ich die Wanderer immer freundlich gegrüsst habe, wenn ich noch rechtzeitig bremsen konnte. Asche über mein Haupt.

Erstes Fazit: Velofahrer sind grundsätzlich keine besseren Menschen, auch wenn sie sich gerne so fühlen.

Aber genug der Selbstreflexion. Ich fühle mich nicht als Mass der Dinge. Ich bewundere Menschen, die ganz selbstverständlich täglich (und unspektaktulär) mit ihrem Velo zur Arbeit fahren. Sich dabei hübsch an die Regeln halten und sich nicht beweisen müssen. Leute die kein stylisches Fixie benötigen um sich besser zu fühlen. Ein simples Bünzlivelo reicht ihnen. Sie haben selber genug von der Fahrt, müssen nicht missionieren damit.

Das ist ein bisschen wie mit der Religion. Wer seinen Glauben einfach lebt, ohne sich dabei als besseren Menschen darstellen zu müssen ist vermutlich näher an der Wahrheit als Menschen, die alles gegen aussen tragen müssen. Solche Leute schaden der Sache mehr als ihr zu dienen.

Zweites Fazit: Manche Velofahrer sind bessere Menschen.

Meine Erfahrung bei simpel.ch zeigt mir, dass Velofahrer coole Kunden sind. Ich möchte meinen Kundenkreis kein bisschen anders als er ist. Wir liefern Velos in der ganzen Schweiz gegen Rechnung aus. Manchmal sind das Velos für ein paar tausend Franken die wir im Vertrauen ausliefern, dass die Rechnung dann auch bezahlt wird. Und tatsächlich, es gibt praktisch keine Betreibungen. Mit Fernsehern würde ich dieses Geschäftsmodell nicht riskieren. Irgendwie verbindet das Thema Velo, man hat ein anderes Vertrauen. Velofahrer sind mehr an der frischen Luft, das hilft. Viele Velofahrer wählen Ihre Art der Mobilität bewusster als die grosse Masse und überlegen sich vermutlich auch in anderen Lebensbereichen etwas mehr. Das macht sie nicht zu besseren Menschen, aber immerhin irgendwie sympathischer.

Drittes Fazit: Velofahrer zeichnen sich oftmals durch eine bewusstere Lebensweise aus.

Ich bin der festen Überzeugung, dass auch in der Verkehrspolitik jeder Mensch gleich viel Wert sein soll. Egal für welche Form der Mobilität er sich entscheidet. Das heisst auf der einen Seite, dass sich Velofahrer auch an die Verkehrsregeln halten müssen. Auf der anderen Seite heisst das aber auch, dass ein Velofahrer als Verkehrsteilnehmer gleich viel Wert ist wie ein Autofahrer. Er hat ein Recht auf seinen Platz auf der Strasse. Dieser Platz soll sicher und fair sein. In Dänemark gibt es die grüne Welle für Velofahrer und nicht für Autos. Das ist für die Verkehrsplaner eine Frage des Respekts.

Viertes Fazit: Velofahrer verdienen mehr Respekt, nicht weil sie bessere Menschen sind, aber gleichwertige Verkehrsteilnehmer.

Sodeli, jetzt bin ich froh hab ich endlich wieder mal Zeit und Musse gefunden in die Tasten zu hauen. Es gäbe ja so viel zu berichten..